Interview mit Prof. Dr. Martina Saße

Mit Pflegepädagogik die Zukunft der Pflege mitgestalten

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Über die Zukunft der Pflege

"Wir brauchen Menschen, die Wissen weitergeben"

Fachkräftemangel, Frust und Finanzierungslücken: Während unsere Gesellschaft altert und die „Babyboomer“ kurz vor dem Renteneintritt stehen, schauen Pflegende und Träger in eine ungewisse Zukunft. Wir sprachen mit Prof. Dr. Martina Saße, die an der Kolping Hochschule den neuen Studiengang Pflegepädagogik verantwortet, darüber, welche Perspektiven sich Pflegenden und Patient*innen eröffnen – und welche Rolle die Pflege für unsere Gesellschaft spielt. 

Liebe Frau Prof. Dr. Saße, in der Pflege ist der Fachkräftemangel besonders eklatant. Viele Beschäftigte klagen über Überlastung. Es fehlt an Personal und Geld. Gleichzeitig altert die Gesellschaft rapide. Wo sehen Sie Lösungsansätze für diese Misere?

Saße: Wir müssen an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen, aber an erster Stelle stehen bessere Arbeitsbedingungen. Menschen bleiben in der Pflege, wenn sie ihre Arbeit gut machen können und Wertschätzung erfahren. Dazu gehören ausreichend Personal, verlässliche Dienstpläne, gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen und echte Entwicklungsmöglichkeiten.

Und wir müssen als Gesellschaft ehrlich werden. Pflege ist keine Randaufgabe. Wir alle werden früher oder später mit Pflege in Berührung kommen – als Betroffene, Angehörige oder beruflich Tätige. Die Frage ist nicht, ob wir Pflege finanzieren können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, dies nicht zu tun. Denn die Art und Weise, wie wir Pflege organisieren, sagt viel darüber aus, wie wir als Gesellschaft Verantwortung, Solidarität und Menschenwürde verstehen.

Welche Rolle spielt dabei die Pflegepädagogik?

Saße: In der Pflege entscheidet sich derzeit, wie wir als Gesellschaft mit einer der größten Herausforderungen unserer Zeit umgehen: dem demografischen Wandel. Wir brauchen nicht nur mehr Pflegekräfte, sondern vor allem gut ausgebildete Pflegekräfte. Und dafür brauchen wir Menschen, die Wissen weitergeben, Lernprozesse gestalten und die nächste Generation professionell begleiten können.

Wer gut ausgebildete Pflegefachpersonen haben möchte, braucht auch hervorragend qualifizierte Lehrkräfte. Die Anforderungen an die Pflegeausbildung sind in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Pflegepädagoginnen und Pflegepädagogen müssen nicht nur pflegewissenschaftliche Inhalte vermitteln, sondern auch komplexe Lernprozesse gestalten, digitale Lehr-Lern-Formate einsetzen, heterogene Lerngruppen begleiten und angehende Pflegefachpersonen auf eine zunehmend anspruchsvolle Berufspraxis vorbereiten. Die Qualität der Pflegebildung entscheidet damit unmittelbar über die Qualität der zukünftigen pflegerischen Versorgung.

Was lernen Studierende im Pflegepädagogik-Studium? 

Pflegepädagogik verbindet zwei Bereiche, die für die Zukunft unseres Gesundheitswesens unverzichtbar sind: Pflege und Bildung. Wer Pflegepädagogik studiert, bildet nicht einfach aus. Er oder sie gestaltet die Zukunft der Pflege aktiv mit. In Zeiten des Fachkräftemangels ist das eine Schlüsselaufgabe.

Hinzu kommt, dass die Pflege und Pflegesituationen immer komplexer werden. Digitalisierung, wissenschaftliche Erkenntnisse, kulturelle Vielfalt, ethische Fragestellungen und neue Versorgungsformen verändern den Berufsalltag nachhaltig. Pflegekräfte müssen heute in der Lage sein, kritisch zu reflektieren, wissenschaftliche Erkenntnisse einzuordnen und in interprofessionellen Teams zu arbeiten. Dafür benötigen sie Lehrkräfte, die diese Kompetenzen selbst mitbringen und gezielt fördern können.

Pflegepädagoginnen und Pflegepädagogen übernehmen deshalb eine Schlüsselrolle bei der Professionalisierung der Pflege. Sie vermitteln nicht nur Wissen, sondern fördern kritisches Denken, Handlungskompetenz, Reflexionsfähigkeit und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen.

Berufsbegleitendes Studium

"Ich habe großen Respekt vor Menschen, die neben Beruf und Familie noch studieren"

Wie motivieren Sie Pflegekräfte zu einem berufsbegleitenden Studium, die sich mit ihrer Arbeit schon völlig ausgelastet fühlen und vielleicht auch familiär eingespannt sind? Warum lohnt sich das Studium für sie trotzdem?

Saße: Zunächst einmal habe ich großen Respekt vor Menschen, die neben Beruf und Familie noch studieren. Das verlangt Disziplin, Organisation und manchmal auch Mut.

Ich erlebe aber immer wieder, dass viele Pflegekräfte nach einigen Jahren Berufserfahrung spüren, dass sie mehr gestalten möchten. Sie wollen ihr Wissen vertiefen, Verantwortung übernehmen oder andere Menschen ausbilden.

Ein Studium eröffnet genau diese Möglichkeiten. Es erweitert nicht nur die beruflichen Perspektiven, sondern fördert häufig auch die persönliche Entwicklung. Viele Studierende berichten mir, dass sie lernen, ihre Arbeit mit anderen Augen zu sehen. Sie entwickeln ein tieferes Verständnis für Zusammenhänge, reflektieren ihr eigenes berufliches Handeln intensiver und gewinnen mehr Sicherheit in komplexen Situationen.

Dabei geht es nicht nur um zusätzliches Fachwissen. Im Studium erwerben sie auch Kompetenzen, die den Berufsalltag konkret erleichtern können: wissenschaftlich fundierte Problemlösungsstrategien, Methoden des Selbstmanagements, effiziente Arbeitsweisen sowie die Fähigkeit, Prioritäten bewusst zu setzen und Veränderungen aktiv zu gestalten. Viele stellen fest, dass sie Herausforderungen strukturierter begegnen und ihre vorhandenen Ressourcen gezielter einsetzen können.

Gerade diese Fähigkeit zur Reflexion ist von unschätzbarem Wert. Wer regelmäßig hinterfragt, warum Dinge auf eine bestimmte Weise getan werden, erkennt Verbesserungspotenziale und entwickelt neue Handlungsmöglichkeiten – für sich selbst, für das Team und für die Menschen, die gepflegt werden.

Wer sich trotz beruflicher und familiärer Verpflichtungen für ein Studium entscheidet, zeigt genau diesen Mut. Und oft werden diese Menschen später selbst zu Vorbildern für Kolleginnen und Kollegen. Ganz im Sinne Adolph Kolpings: ‚Wer Mut zeigt, macht Mut.‘

Die Gen Z legt Wert auf individuelle Lebensentwürfe und eine gesunde Work-Life-Balance. Wie kann man sie für Berufe in der Pflege begeistern?

Saße: Viele junge Menschen suchen heute nach einer sinnstiftenden Tätigkeit. Sie möchten nicht nur ihren Lebensunterhalt verdienen, sondern auch einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Genau darin liegt eine große Stärke der Pflege. Kaum ein anderer Beruf verbindet fachliche Kompetenz, menschliche Begegnung und gesellschaftliche Wirksamkeit in vergleichbarer Weise.

Gleichzeitig hat sich das Berufsbild der Pflege in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt. Pflege bietet heute vielfältige Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten – von der direkten Versorgung über Beratung, Prävention und Gesundheitsförderung bis hin zu Management, Lehre, Forschung und Digitalisierung. Diese Vielfalt wird häufig unterschätzt.

Wir sollten den Mut haben, junge Menschen als Partnerinnen und Partner bei notwendigen Veränderungen zu betrachten. Die nächste Generation wird neue Erwartungen an Arbeitswelten, Führung, Digitalisierung und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben stellen. Darin sehe ich keine Bedrohung, sondern eine große Chance. Denn eine Pflege, die auch die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden ernst nimmt, wird langfristig attraktiver, gesünder und zukunftsfähiger sein.

Was glauben Sie, wie sich die Pflege in den kommenden Jahrzehnten verändern wird? Werden wir es bald mit „Pflegerobotern“ zu tun haben?

Wir werden zweifellos mehr Technologie in der Pflege sehen. Künstliche Intelligenz, digitale Assistenzsysteme, Sensorik, Telepflege und robotische Unterstützung werden zunehmend zum Alltag gehören. Dabei denke ich beispielsweise an Systeme zur Sturzprävention, intelligente Dokumentationshilfen, digitale Gesundheitsanwendungen oder Roboter, die körperlich belastende Tätigkeiten unterstützen können.

Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, welche Technik verfügbar sein wird, sondern wie wir sie einsetzen. Technologie sollte Menschen unterstützen und Freiräume für das schaffen, was Pflege im Kern ausmacht: Beziehung, Kommunikation, Beratung und Begleitung. Wenn eine Pflegefachperson weniger Zeit mit Dokumentation und organisatorischen Aufgaben verbringen muss, gewinnt sie Zeit für den Menschen. Darin liegt die eigentliche Chance der Digitalisierung.

Gleichzeitig halte ich wenig von der Vorstellung, dass „Pflegeroboter“ den Fachkräftemangel lösen werden. Pflege ist keine industrielle Dienstleistung, die sich vollständig automatisieren lässt. Menschen benötigen gerade in vulnerablen Lebensphasen Nähe, Vertrauen, Empathie und zwischenmenschliche Resonanz. Diese Aspekte lassen sich nicht programmieren.

Darüber hinaus wird Pflege künftig deutlich stärker präventiv, kommunal und vernetzt ausgerichtet sein. Die Frage wird nicht nur lauten, wie wir Menschen pflegen, sondern wie wir Gesundheit, Selbstständigkeit und soziale Teilhabe möglichst lange erhalten können. Pflege wird deshalb stärker mit Gesundheitsförderung, Quartiersentwicklung, Sozialraumgestaltung und kommunalen Strukturen zusammenarbeiten müssen.

Vor diesem Hintergrund wird auch die Akademisierung weiter an Bedeutung gewinnen. Die Versorgung älterer Menschen wird komplexer, interdisziplinärer und wissensintensiver. Wir brauchen deshalb Fachkräfte, die wissenschaftliche Erkenntnisse einordnen, innovative Versorgungskonzepte entwickeln und Veränderungsprozesse gestalten können.

Wenn ich einen Wunsch für die Zukunft formulieren dürfte, dann diesen: Dass wir technologische Innovationen nicht als Ersatz für Menschlichkeit verstehen, sondern als Möglichkeit, Menschlichkeit wieder stärker in den Mittelpunkt der Pflege zu rücken.

Oder anders gesagt: Die Zukunft der Pflege entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Roboter werden, sondern daran, wie klug wir Technologie nutzen, um menschliche Fürsorge zu stärken.

Pflege gestaltet nicht nur die Zukunft des Gesundheitswesens. Pflege gestaltet die Zukunft unserer Gesellschaft. Darauf dürfen Pflegende mit Recht stolz sein.

Prof. Dr. Martina Saße Professorin für Pflegepädagogik

Die ideale Pflegeeinrichtung

"Die Pflege ist Teil einer Caring Community"

Wie sieht für Sie die ideale Pflegeeinrichtung aus?

Die ideale Pflegeeinrichtung ist für mich weit mehr als ein Ort professioneller Versorgung. Sie ist Teil einer Caring Community – einer sorgenden Gemeinschaft, in der Verantwortung für Gesundheit, Teilhabe und Lebensqualität gemeinsam getragen wird. Pflege wird dabei nicht ausschließlich als Aufgabe professioneller Dienstleister verstanden, sondern als gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe, an der Pflegefachpersonen, An- und Zugehörige, Ehrenamtliche, Nachbarschaften und weitere Akteure beteiligt sind.

Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass Pflegeheime und stationäre Einrichtungen auch in Zukunft einen unverzichtbaren Bestandteil unserer Versorgungslandschaft darstellen werden. Gleichzeitig sind sie nur ein Mosaikstein innerhalb eines vielfältigen Unterstützungssystems. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse, Lebensentwürfe und Unterstützungsbedarfe. Deshalb wird es auch künftig nicht die eine ideale Versorgungsform für alle geben. Neben stationären Angeboten werden ambulante Versorgung, Tagespflege, betreute Wohnformen, Quartierskonzepte, generationenübergreifende Wohnprojekte sowie digitale und technische Unterstützungsangebote zunehmend an Bedeutung gewinnen. Entscheidend ist, dass Menschen möglichst lange dort leben können, wo sie sich zu Hause fühlen, und bei Bedarf flexibel auf unterschiedliche Unterstützungsangebote zurückgreifen können.

Eine solche Einrichtung zeichnet sich durch eine Kultur der Wertschätzung, Partizipation und Beziehungsgestaltung aus. Menschen werden dort nicht auf Diagnosen, Pflegegrade oder organisatorische Abläufe reduziert, sondern als Persönlichkeiten mit individuellen Lebensgeschichten, Ressourcen und Bedürfnissen wahrgenommen. Die Wahrung von Würde, Autonomie und sozialer Teilhabe steht im Mittelpunkt des Handelns.

Gleichzeitig ist eine zukunftsfähige Pflegeeinrichtung ein Lern- und Entwicklungsort. Mitarbeitende erhalten die Möglichkeit, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln, Innovationen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Komplexität in der Gesundheitsversorgung benötigen wir Organisationen, die Lernen, Reflexion und interprofessionelle Zusammenarbeit systematisch fördern.

Darüber hinaus verstehe ich Pflegeeinrichtungen als wichtige Orte gesellschaftlichen Zusammenhalts. In einer alternden und zunehmend pluralen Gesellschaft können sie Brücken zwischen Generationen, sozialen Milieus und kulturellen Hintergründen schlagen. Sie tragen dazu bei, Einsamkeit zu reduzieren, soziale Teilhabe zu ermöglichen und Solidarität konkret erfahrbar zu machen. Damit übernehmen sie eine wichtige gesellschaftliche Funktion, die weit über die eigentliche Pflege hinausgeht.

Was möchten Sie all den Pflegenden da draußen gerne mit auf den Weg geben?

Ich möchte Pflegenden vor allem eines mit auf den Weg geben: Unterschätzen Sie niemals die Bedeutung Ihres eigenen Wissens, Ihrer Erfahrung und Ihrer Haltung.

Pflege ist weit mehr als die Durchführung einzelner Tätigkeiten. Pflege bedeutet, Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu begleiten, Gesundheit zu fördern, Selbstständigkeit zu erhalten, Teilhabe zu ermöglichen und Würde zu schützen. Damit übernehmen Pflegende eine zentrale Aufgabe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Gerade in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen brauchen wir Pflegefachpersonen, die ihre Expertise selbstbewusst einbringen und die Zukunft aktiv mitgestalten. Die Herausforderungen des demografischen Wandels, der Digitalisierung und der Fachkräftesicherung werden nicht über die Köpfe der Pflegenden hinweg gelöst werden können. Wir brauchen ihre Erfahrungen, ihre Perspektiven und ihre Innovationskraft.

Deshalb möchte ich dazu ermutigen, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen und lebenslang zu lernen. Professionelle Pflege lebt von Reflexion, von der Bereitschaft, neue Erkenntnisse aufzunehmen, und von dem Mut, bestehende Strukturen konstruktiv weiterzuentwickeln. Bildung endet nicht mit dem Examen. Sie begleitet uns durch das gesamte Berufsleben.

Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Pflegende den Wert ihrer Arbeit nicht ausschließlich an Effizienz, Zeitvorgaben oder Dokumentationsanforderungen messen. Das Wesentliche in der Pflege entsteht oft in den Momenten echter Begegnung: wenn Vertrauen wächst, Ängste genommen werden oder Menschen sich verstanden fühlen. Diese menschliche Dimension bleibt auch in einer zunehmend digitalisierten Welt unverzichtbar.

Und schließlich möchte ich Mut machen, sich einzumischen. Pflege braucht starke Stimmen – in Einrichtungen, in Verbänden, in Kommunen, in der Wissenschaft und in der Politik. Wer täglich erlebt, was Menschen benötigen, sollte an den Entscheidungen beteiligt sein, die ihre Lebensrealität betreffen.

Pflege gestaltet nicht nur die Zukunft des Gesundheitswesens. Pflege gestaltet die Zukunft unserer Gesellschaft. Darauf dürfen Pflegende mit Recht stolz sein.

 

Vielen Dank für das Gespräch.